Review: BOYHOOD

Standard

„I just thought there would be more.“

In meinem liebsten Moment in Boyhood begleiten wir den noch sehr jungen Mason, wie er in voller Gryffindor-Montur um Mitternacht mit vielen anderen Fans Schlange steht, um sich als einer der ersten das neue Harry Potter-Buch zu kaufen. Die Szene dauert kaum eine Minute und endet mit der Einstellung von Mason, der fasziniert das Buchcover mustert – sinnlos mögen manche meinen, andere fragen dem „Warum“. Welchen Grund sollte Richard Linklater schon haben, einen so unscheinbaren Moment in Masons Werdegang zu zeigen?

Wer aber tatsächlich nach dem „Warum“ fragt, hat den Film nicht wirklich gesehen, nicht wirklich gefühlt. Es muss ja nicht unbedingt das neue Harry Potter-Buch sein (auch wenn ich beim Release des siebten Teils exakt wie Mason im Zaubererkostüm um Mitternacht Schlange gestanden habe und dementsprechend von einem nostalgischen Flashback überrumpelt wurde), aber jeder wird sich an einen Moment wie diesen erinnern, als die Errungenschaft einer so simplen Sache die höchsten Glücksgefühle ausgelöst hat – oder noch viel wichtiger, als wir Glück noch als state of being angesehen haben, ohne diese Gabe aber schon wirklich wertschätzen zu können. Es sind ebenjene Momente in Boyhood, die das Mammutprojekt von Regisseur Richard Linklater zu so einem außergewöhnlichen, persönlichen und letztendlich großartigen Film machen.

Anstatt alle Stationen des typischen Coming of Age-Films abzuklappern, legt Linklater Wert auf die kleinen, beinahe unscheinbaren Dinge im Leben, die aber dennoch in ihrer Schlichtheit oft nicht weniger (wenn nicht sogar mehr) prägend für das spätere Leben sind und im Gedächtnis haften bleiben. Die phänomenalen Leistungen der Schauspieler und deren realer Alterungsprozess sorgen für ein durchgehend echtes Gefühl, durch das der Zuschauer vollends in den Film hineingesogen und bis zum Einsetzen des Abspanns nicht mehr entlassen wird. Linklater deutet die berühmten Stationen des Erwachsenswerdens immer ausreichend an, um sie in ihrer Bedeutung nicht abzuschwächen, schafft es aber durch die Fülle an intimen, kleinen Momenten mühelos eine persönliche Brücke zum Zuschauer zu schlagen und diesem zu ermöglichen, irgendwo in diesen 164 Minuten ein Stück von sich selbst zu entdecken.

Einen Film in einem Zeitraum von zwölf Jahren zu drehen und die verschiedenen Zeitabschnitte dennoch flüssig ineinander greifen zu lassen, ist eine Kunst, an der ein anderer Regisseur leicht gescheitert werde. Linklater aber wagt und gewinnt: Boyhood ist erzählerisch wie aus einem Guss und funktioniert durch den brillant ausbalancierten Ton, der mal dramatisch und mal komisch, aber niemals kitschig oder gar sentimental ist, ebenfalls sehr gut als Unterhaltungsfilm, der die breite Masse bespaßt und dabei doch jeden Zuschauer individuell anspricht – wie und durch was muss jeder selbst herausfinden.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s