Ein paar Worte zu FOXCATCHER

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„What’s he get out of all this?“, fragt Dave Schultz seinen kleinen Bruder, als der ihn für das Foxcatcher-Team gewinnen möchte. Ein Millionär, der auf seinem Grundstück ein Ringerteam coachen und Olympiagold gewinnen möchte? Es geht um den amerikanischen Traum, um Gott und Vaterland, erklärt John du Pont seinem neugewonnen Schützling in ihrem ersten Gespräch. Und es klingt plausibel, denn du Pont ist durch und durch ein Patriot. Aber es geht um noch viel mehr, das spürt der Zuschauer von der ersten Sekunde an.

Regisseur Bennett Miller inszeniert nach Moneyball einmal mehr einen Sportfilm, in dem es kaum bis gar nicht um Sport geht. Anders als bei Moneyball passt der Sport aber hier in das Konzept des um die wahren Ereignisse herum ausgebreiteten Charakterdramas: Ringen, ein Sport der Körperlichkeit. Schweiß auf nackter Haut, platonische Männerliebe. Du Ponts Taten wurden beim Mordprozess mit Schizophrenie begründet, Miller findet für seinen Film einen gänzlich anderen Ansatz. Das hier entworfene Figurengeflecht gleicht schon fast einem Love Triangle, allerdings einem im finstersten, unromantischsten Sinne.

Da wäre einmal du Pont, ein ungeliebter, einsamer Junge, gefangen im unattraktiven Körper eines erwachsenen Mannes, der alles hat und doch nichts. Der sich nach Kameradschaft und Zuneigung sehnt – ein unerfüllter Wunsch, der sich in dem jungen Mark Schultz manifestiert und über den du Ponts Mutter seit jeher einen langen Schatten wirft. Für Schultz möchte du Pont alles sein: Vater, Freund, eventuell Liebhaber. Miller spielt hier mit dem Ödipuskomplex und einem latent homosexuellen Subtext, der aber – anders als zurzeit behauptet – nie ins Homophobe abdriftet. Wenn du Pont Mark in der Galerie-Trainingsszene zu Boden drückt, inszeniert Miller das wie eine Vergewaltigung – was leicht dazu einlädt, du Ponts Taten auf ein lebenslang unterdrückte Homosexualität zurückzuführen, kann auch genauso gut als Allegorie für den von ihm ausgeübten Leistungsdruck, sowie seine ungelenken Annäherungsversuche gelesen werden.

Mark Schultz ist für du Pont nur ein Instrument, das ihm bei der Erfüllung seiner Wünsche hilft. Vorrangig sind das Ruhm und Ehre, unter der Oberfläche aber kämpft du Pont um die Zuneigung seiner Mutter, die ihn immer noch wie ein kleines Kind behandelt und zu der er eine nicht näher definierte Hassliebe pflegt. Mark, der Zeit seines Lebens im Schatten seines Bruders stand, findet in du Pont einen Seelenverwandten. Nicht nur, weil du Pont als Erster Potential in ihm zu erkennen scheint, sondern weil sie die gleiche Ideologie teilen, weil du Pont das sagt, was Marks tumbes Hirn nie auszuformulieren vermochte.

Eine Beziehung gegenseitiger Abhängigkeit, die Miller in tristen, quälend langsamen Bildern inszeniert und so einen Sog entwickelt, der zugleich unerträglich und faszinierend ist. Die Symbolik ist deutlich, aber nicht zu aufdringlich, die schauspielerischen Leistungen nicht makellos, aber doch ungemein stark. Channing Tatum stiert mit vorgeschobenem Kinn in der Gegend herum und versucht sehr angestrengt, nicht dieselbe Rolle zu spielen wie immer. Und das gelingt ihm, auch wenn einer plumpen Figur wie dieser, und damit auch seiner Performance, die emotionalen Nuancen fehlen.

Steve Carell ist, sofern man ihn als Ekelboss aus The Office kennt, auf den ersten Blick schwer ernst zu nehmen, profitiert aber mehr und mehr von seinem phänomenalen Make-Up, das es ihm erlaubt, beinahe völlig hinter seiner tragischen Rolle zu verschwinden (abgesehen von dem furchtbaren „Most of my friends call me Eagle, or Golden Eagle“-Michael-Scott-Moment). Mark Ruffalo steht sein Make-Up weniger gut und er bekommt im Gegensatz zu seinen Kontrahenten weniger Möglichkeiten seine Figur auszuspielen, aber liefert dennoch eine starke, überzeugende Leistung ab.

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2 Gedanken zu “Ein paar Worte zu FOXCATCHER

  1. Pingback: Lethal Critics #6 – Jupiter Ascending, The Interview, Foxcatcher & Inherent Vice | Noergolas

  2. Pingback: Kritik: SPOTLIGHT (2015) - Lethal Critics

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