Billy Lynn’s Long Halftime Walk (2016)

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Bei Lethal Critics erschienen:

In den ersten Momenten von Billy Lynn’s Long Halftime Walk ist ein Großteil der Leinwand noch dunkel. Nur durch einen schmalen Bildausschnitt beobachten wir das für den Film ausschlaggebende Ereignis: ein Soldat fällt verwundet zu Boden und ein zweiter eilt zu Hilfe, wirft sich schützend über ihn und gibt mehrere Schüsse aus seiner Handfeuerwaffe ab. All das nur zufällig aufgenommen mit einer Kamera, die ein flüchtender Reporter inmitten des Feuergefechts zurückgelassen hat. Und was für Aufnahmen das sind! Bewegende, ja geradezu heroische Bilder, die durch die Medien gehen und den unerschrockenen Soldaten über Nacht zum amerikanischen Helden machen. Selbstloser Mut im Angesicht des Todes – dafür wollen alle Billy Lynn die Hand schütteln, ihm danken und gratulieren.

Wenn wir in einer der letzten Rückblenden des Films zu diesem Moment zurückkehren, hat er plötzlich nichts Heroisches mehr. Denn nun nimmt er die ganze Leinwand ein und spart links und rechts nichts mehr aus. Nicht das ohrenbetäubende Rattern der Maschinengewehre, die donnernden Explosionen, den in einem Nebel aus Blut explodierenden Körper eines gegnerischen Angreifers. Plötzlich hat dieser irrationale Impuls, dem Feind quasi direkt in die Schusslinie zu laufen, weil ein Freund sterbend am Boden liegt, nichts Heroisches mehr, sondern etwas ungemein Tragisches. Sich inmitten dieser Hölle aus Orientierungslosigkeit und Wahnsinn wiederzufinden, dem Tod direkt ins Auge zu blicken – das macht einen nicht zum Helden, sondern zum Gequälten. Es fühle sich seltsam an, für den schrecklichsten Tag seines Lebens honoriert zu werden, merkt Billy später an.

Es ist natürlich erst einmal beruhigend zu wissen, dass auch Ang Lee Krieg ziemlich doof findet. Der neue Film des Kinomagiers (Brokeback Mountain, Life of Pi) ist dennoch eine zwiespältige Angelegenheit. Die Romanvorlage des US-amerikanischen Autors Ben Fountain wurde dafür gefeiert, alle wichtigen Aspekte des amerikanischen Traumes – Krieg, Religion, Fernsehen und Football – durch den satirischen Fleischwolf zu drehen, in den Händen eines gefühlvollen Geschichtenerzählers wie Lee aber entwickelt der Stoff eine ungeahnte Ambivalenz. Die satirischen Elemente, wohl am besten manifestiert im vergnüglich chargierenden Steve Martin als schleimiger Film- und Fernsehproduzent, unterfüttert er teils so stark mit Emotionen, dass man sich oft nicht sicher ist, was nun ernst gemeint ist und was nicht. Und dann möchte dieser Film natürlich noch viel mehr: Chris Tucker darf als Agent die ganze Zeit in sein Handy quasseln und Meta-Kommentare über die Filmlandschaft einwerfen, während zwischen dem Protagonisten und seiner Schwester zusätzlich eine bewegende Familiengeschichte erzählt wird.

Letztere ist vermutlich das Schönste an diesem Film; so schön sogar, dass man am Ende trotz genügend Szenen das Gefühl hat, man hätte ihr zu wenig Zeit eingeräumt. Die Beziehung zwischen Bruder und Schwester ist so sanft, so liebevoll und so aufrichtig, dass man nicht umhin kommt, ein bisschen mitzuweinen – vor allem da Kristen Stewart in ihrer Nebenrolle brilliert. Wenn es dann aber am Ende darum geht, die profane Brüderlichkeit zwischen den Soldaten mit Liebesbekundungen aufzubrechen (auch in dieser Kategorie: Garrett Hedlunds „I am so fucking goddamn proud of you“ in einer Schlüsselszene), stellt sich Unbehagen ein. Eine Ungewissheit, ob Ang Lee diesem Zusammenschluss von Männern unter sich – und damit dem Krieg, den sie ausfechten – doch noch eine gewisse Rechtfertigung abgewinnen möchte. Zumal der Film mit dem titelgebenden Halftime Walk und damit einhergehend der letzten Rückblende einen erzählerischen Bogen spannt, der zugleich den Schluss hätte einläuten sollen – alles danach fühlt sich nach einem etwas zu lang geratenem Epilog an.

Wenn uns über den beengten Bildausschnitt hinaus ein Blick in die heroische Natur des Krieges gewährt wird, ist Billy Lynn’s Long Halftime Walk ein effektiver und präziser Film. Vermutlich kein besonders origineller, aber die Originalität einer Aussage stand ja sowieso nie in Beziehung zu ihrer Qualität (und ist schon immer ein befremdliches Kriterium gewesen, wenn es um die Beurteilung eines Films geht). Wenn Ang Lee seinen Protagonisten in der Schlussszene dann aber wieder in die Arme seiner Kriegsbrüder laufen lässt, das tränennasse Gesicht der Schwester hinter sich lassend, instrumentalisiert er das für Emotionen, die sich nicht richtig anfühlen. Nicht bitter, nicht ausweglos genug. Sondern beinahe versöhnlich. Ang Lee und Satire; vielleicht sind dort einfach zwei Dinge zusammengekommen, die nicht zusammengehören.

Kinostart: 02.02.2017

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