Baby Driver (2017)

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Eine der schönsten Verfolgungsjagden des Kinos beginnt damit, dass Nicolas Cage an einer Tankstelle Windeln kaufen möchte. Angetrieben von seinem kriminellen Drang räumt er jedoch zusätzlich noch die Kasse leer und hinterlässt bei seiner anschließenden Flucht eine Schneise der Zerstörung durch den hiesigen Vorort. Irgendwann sind nicht nur seine Frau, sondern auch ein Rudel kläffender Hunde, schießwütige Polizisten und kreischende Autofahrer hinter ihm her – wovon sich Cage nicht aus der Ruhe bringen lässt, weswegen er weiterhin mit unbekümmerter Miene durch Wohnhäuser und Supermarktgänge rennt, die hinter ihm von Kugeln zersiebt werden.

Mit ihrer Verschmelzung von Komik und Dynamik, vor allem aber ihrem visuellen Witz, gehört diese Sequenz aus Raising Arizona zu den Sternstunden der (zeitweise auch per Auto absolvierten) Verfolgungsjagd im Kino. Es verwundert also nicht, dass es sich hierbei um den erklärten Lieblingsfilm von Edgar Wright handelt, dessen fünfte Regiearbeit Baby Driver – mehr noch als alle bisherigen Werke seiner Filmographie – ganz klar von dem herzlichen Ulk der Coen-Brüder inspiriert ist. Fluchtwagenfahrer Baby (Ansel Elgort) dämpft den Tinnitus, unter dem er seit einem Autounfall in seiner Kindheit leidet, in dem er den ganzen Tag Musik hört, deren Klängen sich nicht nur seine, sondern auch die Bewegungen des Films unterordnen.

In meiner liebsten Szene des Films, einer Plansequenz zu Beginn, in der Baby mit seinen Kopfhörern in den Ohren über die Straße tanzt und Kaffee für Komplizen besorgt, kündigt sich in den Kamerabewegungen eine Virtuosität an, die mit ihrem melodischen Gespür für Rythmus tatsächlich eine Art Musical verspricht. Umso schwerer wiegt dann die Enttäuschung, wenn Baby Driver nie so ganz zu diesem Film werden möchte. Die große Kinetik gelingt immer nur impuls- und szenenweise (beispielsweise in einer atemlosen Verfolgungsjagd zu Fuß, meiner zweitliebsten Szene des Films), weil Wright zu viel Zeit darin investiert, parallel eine arg konventionelle Gangster- und auch noch Liebesgeschichte zu erzählen.

Baby Driver ist dabei nie langweilig, aber über sein Inszenierungsgimmick hinaus schlicht an zu vielen Baustellen gleichzeitig unterwegs, wodurch kein Aspekt je Luft zum Atmen bekommt. Der Film ist dynamisch, aber nie kinetisch; amüsant, aber nie urkomisch, unterhaltsam, aber nie emotional mitreißend. Für die Verhältnisse eines Edgar Wright fehlen hier Witz und Wortakrobatik im Drehbuch, Virtuosität in der Inszenierung und vor allem Romantik in der Romanze. Ein paar ikonische Einzelszenen und die gut aufgelegte Darstellerriege gestalten den Film zuweilen vergnüglich, aber im Schaffen des britischen Regisseurs ist er dennoch eine Enttäuschung.

Kinostart: 27.07.2017

Dieser Text ist bei Lethal Critics erschienen.

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